Wenn Jazz und Sakrales verschmelzen
Ein Gespräch mit Martin Völlinger

Audite Nova:
Herr Völlinger, Sie sind Kirchenmusiker, Komponist, Organist, Gesangspädagoge und Dirigent.
Wie hat Ihr musikalischer Werdegang Sie zur Verbindung von Jazz, lateinamerikanischer Musik und sakraler Musik geführt?
Völlinger:
Ich habe einen eher unkonventionellen Weg genommen und bin nicht der klassische, früh ausgebildete Musiker. In meiner Jugend habe ich mir vieles autodidaktisch angeeignet. Ich habe viel Unterhaltungsmusik gemacht, Tanzmusik gespielt und auch in einer Big Band gespielt. Dadurch bin ich schon sehr früh mit verschiedenen Musikstilen in Berührung gekommen und habe auch eine gewisse Nähe zum Jazz entwickelt.
Erst relativ spät kam ich zum klassischen universitären Musikunterricht. Dinge wie Klavierunterricht habe ich erst im Studium wirklich systematisch gelernt. Diese Vielseitigkeit hat mich von Anfang an geprägt – mich haben immer unterschiedliche musikalische Richtungen interessiert, und das hat mich motiviert, musikalisch verschiedene Wege zu gehen.
Audite Nova:
Wann sind Sie zum ersten Mal mit Latin Jazz in Berührung gekommen? Und was fasziniert Sie daran?
Völlinger:
Das wurde besonders während meines Kirchenmusikstudiums in Regensburg intensiver. Dort erhielt ich eine sehr traditionelle kirchenmusikalische Ausbildung. Gleichzeitig habe ich mich dort stärker mit Jazz beschäftigt und begonnen zu verstehen, wie diese Stilrichtungen funktionieren.
Ein Dozent hat mein Interesse besonders auf Latin Jazz gelenkt. Mich hat damals gestört, dass im Studium zwar viele grossartige Musiker waren, aber jeder sehr stark auf seinen eigenen Stilbereich fokussiert war. Es gab wenig Verständnis für andere musikalische Richtungen.
Ich wollte zeigen, dass unsere traditionellen lateinischen Messtexte auch in einem Jazz- oder Latin-Stil wunderbar funktionieren können. Das war eine grosse Motivation: verschiedene musikalische Welten zusammenzuführen.
Audite Nova:
Was hat Sie konkret zur Komposition der Messe inspiriert?
Völlinger:
Die Idee entstand während meines Studiums. In Regensburg gab es ein Jazzfestival, an dem auch Kirchen beteiligt waren. Für diesen Anlass habe ich erste Stücke komponiert, die später in die Jazzmesse eingeflossen sind.
Ich habe mich intensiv mit verschiedenen Latin-Stilen beschäftigt – etwa Bossa Nova, Rumba oder Salsa – und gemerkt, dass sich diese Rhythmen sehr gut mit den traditionellen Messtexten verbinden lassen. Gleichzeitig war mir wichtig, dass die Musik liturgisch verwendbar bleibt.
Deshalb habe ich versucht, alle wesentlichen Teile der Messe zu vertonen: Kyrie, Gloria, ein Halleluja nach der Lesung, ein Stück zur Gabenbereitung, Sanctus, Agnus Dei und auch kleinere Akklamationen wie „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir“ oder das Vaterunser. So entstand eine vollständige Messe, die im Gottesdienst verwendet werden kann.
Audite Nova:
Gab es einen konkreten Anlass, die Messe als Ganzes zusammenzustellen?
Völlinger:
Ja. Ich leitete damals ein regionales Musikfestival in meiner Heimat. Dort wurde die Messe am 4. Oktober 2008 erstmals komplett aufgeführt. Einzelne Teile waren vorher schon in Regensburg gespielt worden.
Später gab es eine weitere wichtige Aufführung in der Schweiz mit den Luzerner Sängerknaben, wo ich gearbeitet habe. Danach verbreitete sich das Werk relativ schnell.
Damals hiess es noch „Missa Cubana“. Durch Empfehlungen verschiedener Dirigenten wurde der Helbling Verlag darauf aufmerksam. Nach der Veröffentlichung wurde das Werk weltweit aufgeführt – oft auch unabhängig vom liturgischen Kontext, etwa von Universitätschören in Konzertsälen.
Heute wird die Messe auf allen Kontinenten aufgeführt – unter anderem in Japan, China, Süd-Korea, Russland, der Ukraine oder Afrika. Das hätte ich mir damals nie vorstellen können.
Audite Nova:
Über welchen Zeitraum hat sich das Werk entwickelt?
Völlinger:
Die Hauptphase lag ungefähr zwischen 2006 und 2008. Mir war wichtig, dass das Werk flexibel bleibt – mit Möglichkeiten für Improvisation und verschiedenen Aufführungsvarianten.
Audite Nova:
Die einzelnen Sätze können also auch unabhängig voneinander aufgeführt werden?
Völlinger:
Ja, genau. Chöre können einzelne Teile auswählen oder kombinieren, je nach Anlass. Das war auch bewusst so gedacht.
Audite Nova:
Gab es während der Entstehung wichtige Veränderungen am Konzept?
Völlinger:
Ja, das Ave Maria kam etwas später hinzu. Ich wollte auch ein anspruchsvolles A-cappella-Stück integrieren – als Herausforderung für erfahrene Chöre.
Interessanterweise hat sich dieses Stück später stark verselbstständigt. Es wurde beispielsweise bei internationalen Chorwettbewerben gesungen, etwa bei den World Choir Games. Dort wurde es sogar mehrfach von verschiedenen Chören aufgeführt.
Audite Nova:
Die Messe verbindet viele Stile – Salsa, Bossa Nova, Tango, Gospel oder Pop. Gibt es einen Satz, den Sie als Herzstück der Messe betrachten?
Völlinger:
Das ist schwer zu sagen. Jeder Satz hat seinen eigenen Charakter. Emotional besonders berührend ist für mich das Vaterunser. Aber auch kürzere Teile wie „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir“ sind sehr intensiv.
Diese Stücke wirken nur, wenn sie sehr fein und sensibel musiziert werden. Sie brauchen Ruhe und eine gewisse Zurückhaltung.
Audite Nova:
An manchen Stellen scheint das Jazz-Trio in einen musikalischen Dialog mit dem Chor zu treten. War das bewusst so angelegt?
Völlinger:
Ja, das ergibt sich teilweise aus der Konzeption. Ich sehe das Trio als gleichberechtigten Partner des Chores. Viel hängt natürlich von den beteiligten Musikern ab.
Wenn gute Musiker dabei sind, entsteht ein echter Dialog mit viel Raum für Improvisation und musikalische Farben.
Audite Nova:
Die Messe kann sowohl liturgisch als auch konzertant aufgeführt werden. Wie verändert sich die Wirkung im Konzertsaal?
Völlinger:
Das ist unterschiedlich. Ich war einmal bei einer Aufführung in einer Philharmonie in Polen. Dort wurde das Werk sehr präzise und eher zurückhaltend interpretiert.
Trotz des weltlichen Konzertsaals hatten die Messtexte eine besondere Wirkung. Lateinische liturgische Texte besitzen eine eigene Kraft – unabhängig davon, ob das Publikum religiös ist oder nicht.
Audite Nova:
Welche Tipps würden Sie Chören und Dirigenten geben, die die Messe einstudieren?
Völlinger:
- Musiker engagieren, die ein Gefühl für Jazz Latin-Stile haben und aufgeschlossenen gegenüber geistlichen Texten sind
- Tempi nicht zu schnell nehmen – lieber entspannter spielen
- das Schlagzeug nicht zu dominant einsetzen
- beim Ave Maria besonders viel Ruhe und Atmosphäre entwickeln
Manche Dirigenten gehen anfangs zu forsch an die Musik heran. Aber diese Stücke brauchen Zeit und Raum.
Audite Nova:
Welche lateinische Aussprache empfehlen Sie für die Aufführung der Latin Jazz Mass?
Völlinger:
Ich persönlich bevorzuge die italienische Aussprache. Sie ermöglicht offenere Vokale und einen grösseren Klang. Ausserdem passt sie gut zum lateinamerikanischen Stil, der ja stark von offenen Vokalen geprägt ist.
Audite Nova:
Die Messe strahlt viel Freude und Hoffnung aus. Wo kommt das besonders zum Ausdruck?
Völlinger:
Zum Beispiel im Halleluja nach der Lesung. Dort heisst es:
„Unsere Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen. Das Netz ist zerrissen – wir sind frei.“
Das ist pure Freude.
Auch im Gospel-Stück „I looked up“ oder im Schlusslied „Song of Gladness“ wird diese Dankbarkeit und Freude sehr deutlich.
Audite Nova:
Welche Bedeutung hat die Messe für Sie persönlich?
Völlinger:
Sie begleitet mich seit fast zwanzig Jahren. Es ist kein Werk, das man einmal schreibt und dann vergisst. Immer wieder begegne ich Menschen, die es aufführen oder mir davon erzählen. Das freut mich sehr.
Audite Nova:
Gibt es Pläne für eine Fortsetzung?
Völlinger:
Mein Verlag fragt mich das regelmässig. Aber bisher hatte ich keine Idee für ein ähnliches Projekt. Ich habe zwar viele andere Werke geschrieben – zum Beispiel kürzlich eine Walliser Messe – aber die ist natürlich regionaler geprägt.
Audite Nova:
Welchen Rat würden Sie jungen Kirchenmusikern geben, die sakrale Musik mit modernen Stilen verbinden möchten?
Völlinger:
Man sollte immer die Menschen im Blick behalten, mit denen man arbeitet. Musik muss die Menschen mitnehmen. Ich glaube, es ist wichtiger, emotional zu wirken, als einen bestimmten Stil unbedingt durchsetzen zu wollen. Musik sollte verbinden und nicht trennen.
Audite Nova:
Vielen Dank für das Gespräch.
Völlinger:
Sehr gerne.
Dorothea Winckler für den Chor Audite Nova Zug

