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3.03.2019

Auswendig! Wieso das denn?

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Bestimmt bekommen einige von uns noch ein paar Strophen des paradoxen Spottgedichts auf die Reihe: „Dunkel war’s, der Mond schien helle…“ Wieso nur bleibt dies im Gedächtnis so haften, während der Name der neuen Nachbarin immer noch nicht sitzt?
Weil wir es auswendig gelernt haben! Ja, das ist Arbeit und Anstrengung. Zudem ist auswendig lernen auch langweilig. Wieso tut man es dann?

Historisch betrachtet ist das Auswendigwissen sehr wichtig. Bevor es Schriften gab, wurden wichtige Ereignisse auswendig gelernt und weitergegeben um sie zu bewahren. Ein wichtiger Aspekt unseres kollektiven Gedächtnisses. Dieser Technik verdanken wir verschiedene Schriften, Märchen und weitere Überlieferungen. Zudem waren Bücher und Handschriften teuer, wenn man des Lesens überhaupt mächtig war.

Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen Werke „Paulus“ und „Elias“ wir auch schon ausgeführt haben, war einer der ersten Solisten, der das Auswendigspielen in der Musik in Deutschland in Mode brachte. Diese Praxis erregte in den 1830er Jahren grosses Aufsehen.

Auch heute noch findet sich in der Musikszene ein Pro und ein Contra Lager.
Auszüge einer Gegenüberstellung mit Anne Kohler und Frieder Bernius in der Zeitschrift ‚Chorzeit’:
Anne Kohler: “Ein Notenblatt ist genau so wenig die Musik selber wie ein aufgeschriebenes Gedicht das lebendig rezitierte Worte darstellt…Die Noten sind im Gedächtnis der SängerInnen als Struktur und in ihrer Kehle als muskuläre Spannung gespeichert…das Halten der Noten ist eine Einschränkung der inneren und äusseren Beweglichkeit…wenn der visuelle Sinn nicht durch Notenlesen gebunden ist, werden im Gehirn Kapazitäten frei, um den auditiven Sinn besser zu nutzen…“
Ein klares Contra : “Entscheidend ist ein einheitliches Verständnis…es muss viel Zeit investiert werden…zu viel Aufmerksamkeit auf dem Dirigenten, wenig Eigenverantwortung…Phasen der Verunsicherung.“
Frieder Bernius legt den Fokus dabei klar auf professionelle Ensembles, bei denen es auch kurzfristig zu Umbesetzungen kommen kann.

Persönlich stehe ich auf Anne Kohlers Seite. Die Ausstrahlung der auswendig Musizierenden ist ganz anders, als wenn vom Blatt gelesen wird. Gibt man sich als Sänger und Sängerin auch noch so viel Mühe immer nach vorne zu schauen, ist die Haltung eben doch eine andere. Zudem stärkt ein auswendig gesungenes Programm das kollektive Selbstbewusstsein eines Chores und auch die Interaktion mit dem Publikum, auf die bereits Mendelssohn Bartholdy setzte.

Schön und gut, aber wie schaffe ich es, den Carmina Burana Text auswendig zu lernen?
Wissenschaftlich betrachtet müssen es die Informationen vom Hippocampus zur Grossrinde schaffen. Diesen Transfer können wir unterstützten, wenn der Text vor dem Zubettgehen gelesen wird. Hilfreich kann auch sein, wenn dieser auf einem separaten Word-Dokument und nicht unter den Noten gelernt wird. Die Texte erzählen auch Geschichten, die als Film, als bildhafte Gedächtnishilfe, gespeichert werden können. Zudem ist es hilfreich, ein Lied nach dem anderen zu lernen.
Und wir haben mit Johannes einen Meister zur Seite, der uns sicher an die Texte und das Memorieren heranführt. Das haben wir in den Proben bereits erfolgreich erarbeitet.

Abschliessend möchte ich gerne die eingangs gestellte Frage nach dem Wieso beantworten: Weil wir es können! Das Auswendiglernen. Nutzen wir doch einfach ein schöneres Wort: Inwendiglernen. Die Engländer sagen viel treffender: „by heart“. Wie toll wird das sein, wenn wir im Sommer sagen können: „Carmina Burana. I know it by heart.“

Corina Hollenstein

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