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10.05.2022

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Dieser Beitrag sollte nicht aus Wörtern bestehen, sondern aus Klang, Gesicht und Geste, denn aus ihnen leuchtet die Farbe, strömt die Freude, nährt sich das Feuer – diese Grundelemente der Begeisterung. Nichts vermag das deutlicher zu zeigen als dieses Kurzvideo, wo der Funke in die Herzen sprang – man höre den Jubelruf aus dem Publikum nach dem letzten Takt!

Und danach ist es einfach sich vorzustellen, dass Begeisterung ein Resonanzphänomen ist: Eine musizierende Gemeinschaft teilt eines Komponisten tiefste Empfindungen mit, die Zuhörende im Innersten zu berühren vermögen. Diese Art von Resonanz gehört zur Lichtseite des Lebens, die heute je heller scheint, je chaotischer die Resonanz aus dem technologiegestützten Kommunikationsdschungel ist. Die bringt nicht zum Brennen, sondern zum Ausbrennen. Und zur Ungeduld, weil man von der Begeisterung eines Anfangs möglichst schnell zu jener des affektiven Nachhalls kommen möchte, ohne zu leisten, was dazwischen liegt: Mühselige Arbeit.

Üben also. Und wie! Wer hat schon zur Tilgung von Sünden – «Qui tollis peccata mundi» – Englischwalzer getanzt, weil dessen Choreografie mit der Interpretation des Notentextes in Einklang steht? So sah man, wie auf einem Wimmelbild, an einem Probeweekend in Hertenstein hundert Leute vor sich hinsummend – häufig auch lächelnd – mit offener Partitur ‘Promenade’ tanzen, um sich den Rhythmus einzuprägen. Und wie oft schon hat man Fugen geübt und geschliffen und plötzlich den Punkt erreicht, wo eines sich zum andern fügt, man sozusagen – selber zur Fuge geworden – sich in den Klangkörper eingefügt hat? Gute Dirigenten kennen die Wege auf solche Gipfel.

Beispielhaft zeigte sich das im kollegialen Lob an unseren Chorleiter nach der Aufführung von J.S.Bach’s Messe in h-Moll (2015). Heiss und kalt sei ihm geworden, stand im Dankesbrief, weil «… Du im besten Sinne viel laufen liessest…der Chor konnte durch Dein Dirigat frei fliessend kolorieren, was zu grossen Bögen führte!» Dieses Pulsieren erhielt seine hinreissende Lebendigkeit durch alle Register, die so leichtfüssig unterwegs waren, als hätten sie nie etwas anderes getan. Hier geht’s zu einem dieser Gipfel >cum sancto spiritu.

Begeisterung ist Lebenskraft.

Hanspeter Reichmuth

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